Misslungene Streifen-Haartransplantation (FUT): Der Patientenfall Marcel S., unglaublich, jedoch leider kein Einzelfall

Hairforlife stellt Ihnen einen Patientenfall vor aus/ab dem Jahre 2009, welcher veranschaulicht, welche gravierenden Fehler Behandlern in Ausübung der gesetzlich strikt vorgegebenen Pflichten unterlaufen – und welche Auswirkungen dies für Patienten haben kann. Beleuchtet werden auch insbesondere die Möglichkeiten, die sich daraus für geschädigte Patienten ergeben.

Dabei geht ein besonderer Dank an den Rechtsanwalt Herrn Christoph Bomke (Fachanwalt für Medizinrecht), der diesen Bericht durch sein freundliches Mitwirken unterstützt hat.

1.

Der heute 25-jährige Patient Marcel S. aus NRW begab sich im Jahre 2009 im Alter von 19 Jahren nach Dortmund, um sich einer Haartransplantation bei einem deutschen Anbieter zu unterziehen. Dabei handelt es sich um einen Klinikkonzern für Schönheitskorrekturen, welcher in Deutschland zahlreiche Standorte/Kliniken unterhält. Mittels der FUT-Methode (Follicular Unit Transplantation – Hautstreifenentnahme) sollten 900 Grafts (follikuläre Haareinheiten) transplantiert werden, wobei die Behandlungskosten mit 4.000 € beziffert wurden.

Aufklärung und Therapieplanung erfolgten, wie sehr häufig praktiziert, durch einen Marketing-Mitarbeiter der mit dem Eingriff betrauten Klinik. Bereits dieser Umstand führte von Anfang an zur Ungültigkeit einer Einwilligung des Patienten in die FUT-Behandlung und damit zur Rechtswidrigkeit des Eingriffs, da Aufklärungspflichten nach ständiger Rechtsprechung grundsätzlich nicht übertragbar, sondern vom ausführenden Arzt durchzuführen sind. Den seitens der Klinik vorgehaltenen Aufklärungsbogen hatte der Patient zudem an seinem Wohnort unterschrieben, nachdem ihm dieses Formular zuvor ausgehändigt/übermittelt worden war.

Zu keiner Zeit hat ein rechtzeitiges, persönliches und vertrauensvolles Gespräch zwischen Arzt und Patient zur Aufklärung über den Eingriff und insbesondere zu Alternativmethoden (FUE) stattgefunden. Dies jedoch gibt die ständige Rechtsprechung vor! Die notwendige Aufklärung vor der Operation war damit unter gleich mehreren Gesichtspunkten als „überhaupt nicht stattgefunden“ anzusehen.

Sofern sich eine Klinik auf eine Aufklärung am OP-Tage durch die Operateurin/den Operateur beruft: Eine am OP-Tag stattfindende Aufklärung gilt grundsätzlich als verspätet! Somit war die Einwilligung in die FUT-Operation des Patienten Marcel S. auch aus diesem Grunde unwirksam laut Rechtsprechung. Ungeachtet dieser Versäumnisse, die schon für sich die Haftung begründen, war die bei kosmetischen Eingriffen notwendige schonungslose Aufklärung nach geltender Rechtslage nicht gegeben.

An die Aufklärung eines Patienten vor kosmetischen Operationen stellt die ständige höchstrichterliche und obergerichtliche Rechtsprechung sehr strenge Anforderungen! Die Patientenaufklärung hat umfassend und schonungslos zu erfolgen (BGH, VersR 1991, 227; OLG Düsseldorf, OLGR 1993, 320, 321; OLG Oldenburg, OLGR 2002, 50 ff. OLG Hamm, Urteil vom 29. März 2006 – 3 U 263/05 in juris).

Die sinngemäße Aussage dieser „ständigen Rechtsprechung“:

Je weniger ein ärztlicher Eingriff medizinisch geboten ist, desto wichtiger ist die Qualität der Patientenaufklärung! Wird einem Patienten eine Behandlung/ein Eingriff/eine Operation angeraten oder hegt er selber den Wunsch nach einer medizinisch nicht notwendigen Behandlung, so muss die Patientenaufklärung nicht nur unbedingt ausführlich und umfassend sein, sondern es muss ebenso ausführlich über die Erfolgsaussichten der Behandlung und etwaige schädliche Folgen informiert werden. 

Dies wurde dem seinerzeit 19-jährigen Patienten Marcel S. jedoch nicht zuteil, diese schonungslose Aufklärung hat zu keiner Zeit stattgefunden. Damit war der vorliegende operative Eingriff bei dem Patienten unter jedem dieser Gesichtspunkte von vorne herein nicht gedeckt von seiner Unterschrift/Einwilligung und die Behandlung stellte somit eine rechtswidrige Körperverletzung dar. Schon alleine aus diesem Grunde war die volle Haftung der Klinik gegeben.

Der Patient Marcel S. hat nach der Behandlung in der Dortmunder Klinik eine erhebliche Einbuße der Lebensqualität erlitten. Eine längsseitig große Narbe reicht am Hinterkopf von Ohr zu Ohr.

Misslungene Haartransplantation Marcel-k-narbe-nach-fut-streifenhaartransplantation

Daraus können (insbesondere bei entsprechender Veranlagung) unterschiedliche Beeinträchtigungen resultieren. Temporär oder auch dauerhaft können sich Spannungsgefühle einstellen, die vielfach als schmerzhaft beschrieben werden. Darüber hinaus können selbst bei gutem Heilungsverlauf unangenehme Hautirritationen zurück bleiben. Abgesehen von den sich unter Umständen einstellenden körperlichen Beschwerden leiden Patienten sehr häufig und insbesondere unter den optischen Einbußen: Bei Kurzhaarfrisuren ist die Narbe sichtbar! Damit ist eine freie Frisurenwahl nicht mehr gegeben, was deutlich auf Kosten der Unbeschwertheit geht, die sich Patienten nach einer Haartransplantation erhoffen. Mit dieser Einbuße an Lebensqualität musste auch der Patient Marcel S. seit der Operation leben. Unter Narbenbildung leiden ehemalige Patienten, die fehlerhaft mittels FUT-Verfahren (Hautstreifen-Entnahme) behandelt wurden, bekanntlich am allermeisten. 

2.

Neben den vorgenannten Aufklärungspflicht-Verletzungen lagen verschiedene (typische) Behandlungsfehler vor: 

- Die bei nicht fachgerechter FUT-Behandlung häufig anzutreffende Breitnarbenbildung wäre in jedem Fall vermeidbar gewesen, erst recht in der bei diesem Patientenfall vorhandenen Breite

- Von einer vorliegenden linearen/strichförmigen Narbe konnte bei diesem Patienten zunächst keine Rede sein 

- Der Patient hatte von dem operativen Eingriff am Hinterkopf, quasi von Ohr zu Ohr reichend, eine etwa 15 cm lange Narbe zurückbehalten. Die nicht lineare (geschweige denn, strichförmige) Narbe war darüber hinaus auch noch unterschiedlich breit, was ebenfalls sehr häufig festzustellen ist. In den äußeren Bereichen zeigte sich die Narbe deutlich breiter, als in mittiger Narbenregion, was auf fehlende Sorgfalt/fehlerhafte Schnittführung, so wie auf eine (Behandlungs-) fehlerhafte Hautvernähung durch die Operateurin zurückzuführen war 

Weiterhin lag als „typischer“ Behandlungsfehler bei diesem Patienten vor:

Bereits seit 2005 ist die seit unterdessen mehr als 10 Jahre in der Haarchirurgie verfügbare Trichophytic-Closure-Technik (Durchwachs-Technik) in den Leitlinien der Fachgesellschaften bei Streifenentnahme aufgeführt und empfohlen. Diese moderne Verschluss-Technik fand bei Marcel S. jedoch keine Anwendung, was eine (und in seinem Falle erst recht) Breitnarbenbildung zur Folge hatte. Die Trichophytic-Closure-Technik beschreibt eine moderne Methode, um Wundränder nach einer Hautstreifenentnahme miteinander zu vernähen. Diese Trichophytic-Verschlusstechnik erlaubt ein Durchwachsen von Haaren im Narbenbereich. Dadurch ist die Möglichkeit gegeben, Narben optimal anzulegen, so dass sie später Dritten gegenüber weitgehend verborgen bleiben aufgrund der hindurch gewachsenen Haare.

Nach ständiger Rechtsprechung genügt/entspricht aber eine bestimmte Behandlungsmethode nicht mehr dem einzuhaltenden Qualitätsstandard, wenn neue Methoden zur Verfügung stehen, die (und/oder) 

- weniger Risiken für den Patienten bedeuten

- für den Patienten weniger belastend sind

- bessere Heilungschancen versprechen

- und in der medizinischen Wissenschaft im Wesentlichen unumstritten sind

(Ständige Rechtsprechung, siehe nur BGH, Urteil vom 26.11. 1991 – VI ZR 389/90 –)

Ausweislich der Behandlungsunterlagen des Patienten Marcel S. wurde die Trichophytic-Closure-Technik bei Durchführung seiner FUT-Behandlung nicht angewendet. Demzufolge wurde dem laut Rechtsprechung einzuhaltenden Qualitätsstandard (wie oben beschrieben) bei diesem Patienten nicht entsprochen. 

Abgesehen davon ist die Behandlungsplanung bei dem seinerzeit 19-jährigen Patienten aufdrängend fehlerhaft erfolgt. Die Haarlinie wurde viel zu tief angesetzt bei der vorliegend transplantierte Graft-Anzahl. Die erreichte „Dichte“ (soweit hiervon überhaupt gesprochen werden kann) stellt sich insbesondere aus diesem Grunde als absolut inakzeptabel dar. Zudem wurden die Löcher für die Implantate, wie auch für die Abstände, offensichtlich viel zu groß gesetzt.

Misslungene Haartransplantation Marcel-k-empfangsgebiet

Misslunge Haartransplantation Marcel-k-empfangsgebiet-l

In dem Zusammenhang sei angemerkt:

Bereits im Jahre 2005 stand das sogenannte „Dense Packing“ zur Verfügung. Diese Methode beschreibt eine Art und Weise der Transplantatverpflanzung, mittels welcher eine außerordentlich hohe Dichte im Empfangsbereich erzielt werden kann. Durch die Anwendung dieser Behandlungsmethode kann ein Haarstatus erreicht werden, der Dritten bei Anblick mit bloßem Auge nicht offenbart, dass eine Haartransplantation stattgefunden hat (siehe auch den Artikel bezüglich Dense Packing bei Haartransplantationen).

Insgesamt ist hier ein für den Patienten unästhetisches und absolut unbefriedigendes Ergebnis erzielt worden, daraufhin kontaktierte der Patient Marcel S. im Jahre 2015 Hairforlife/Andreas Krämer und ließ sich erstmalig fachkundig beraten zu Nachbehandlern, Möglichkeiten und Aussichten. Es kommt nicht selten vor, dass Patienten ihr volles Budget für eine Haartransplantation aufwenden und im Nachhinein keine Mittel für eine kostspielige Repair-Operation zur Verfügung haben, so erging es auch diesem Patienten. Aufgrund weitreichender guter Kontakte im Fachbereich Haartransplantationen konnte Andreas Krämer dem Patienten Marcel S. einen auf diesen Bereich spezialisierten Fachanwalt für Medizinrecht (Christoph Bomke) empfehlen, welcher den Patienten über seine rechtliche Situation und die entsprechenden Möglichkeiten informierte und sich des Falles annahm. So machte Marcel S. Ende 2015 durch seinen anwaltlichen Beistand Schadensersatz- und Schmerzensgeldansprüche gegen die behandelnde Klinik geltend.

Bereits nach relativ kurzer Zeit konnte eine Einigung erzielt werden, die Haftpflichtversicherung der Klinik leistete eine Schadensersatzzahlung in Höhe von 15.000 Euro zur Abgeltung der Ansprüche. Der Patient erhielt somit nicht nur sein Behandlungshonorar zurück, sondern insbesondere auch Schmerzensgeld und das erforderliche Budget für einen Korrektur-Eingriff bei einem renommierten Haarchirurgen. 

Patienten können das gesamte Honorar für kosmetische Behandlungen/Operationen insbesondere dann zurück verlangen, wenn die Kosten der aufgrund von Behandlungs- oder Aufklärungsfehlern erforderlichen Nachbehandlung das Honorar für den Ersteingriff übersteigen, wie es auch bei diesem Patienten der Fall war (OLG Zweibrücken, Urteil vom 28.02.2012, 5 U 8/08). Darüber hinaus kommt dies zum Tragen, wenn eine wegen fehlender oder mangelhafter Aufklärung rechtswidrige Schönheitsoperation nicht den angestrebten Erfolg oder sogar eine Verschlechterung erbringt (OLG Düsseldorf, Urteil vom 20.03.2003, 8 U 18/02; OLG Stuttgart, Urteil vom 17.04.2001, 14 U 74/00; OLG Zweibrücken, Urteil vom 28.02.2012, 5 U 8/08; OLG Nürnberg Urteil vom 25.07.2008, 5 U 124/08). Auch das traf auf diesen Patientenfall zu.

Die Ansprüche von Marcel S. waren nicht verjährt, auch wenn die Behandlung in seinem Falle bereits vor 6 Jahren stattgefunden hat. Der Fristbeginn der Verjährung hinsichtlich einer Arzthaftung setzt die Kenntnis der die Ansprüche begründenden Umstände voraus. Diese erlangt ein Patient aber praktisch erst durch die Konsultation eines entsprechenden Fachspezialisten, in der Regel den „Nachbehandler“. Im Falle von Marcel S. entsprechend erst im Jahre 2015 nach Kontaktaufnahme und Beratung durch Hairforlife.

Marcel S. zeigte sich nach der Rundum-Betreuung und Beratung durch Hairforlife überglücklich. Vielen Dank dafür - das nehme ich gerne als Ansporn für künftige Problemfälle, bei welchen hoffentlich ebenso eine akzeptable Lösung im Sinne des Patienten gefunden werden kann.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Andreas Krämer

Hinweis: Lesen Sie bei Interesse auch den Artikel vom Rechtsanwalt Christoph Bomke bezüglich Hilfe bei verpfuschter Haartransplantation



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